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Der Dirigent von Görings Gnaden


Artikel über das Leben des jüdischen Dirigenten Leo Blech, im Juli 2008 veröffentlicht bei





Für dieses biographische Feature habe ich verschiedene Quellen ausgewertet, so z.B. die relevanten Teile des Nachlasses von Paul Walter Jakob in der Walter-A.-Berendsohn-Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur in Hamburg.



Der Dirigent von Görings Gnaden


Wie wird man ein Stardirigent? "Dirigent lernen kann man nicht", war die knappe Antwort, die der berühmte Berliner Kapellmeister Leo Blech einmal gab: "Dirigent kann man nur werden." In diesem Satz steckt viel von der Bescheidenheit, die den Dirigenten von Weltformat auszeichnete - schließlich betonte Blech nicht seinen Fleiß, sondern die äußeren Umstände, die ihn in die höchsten Höhen einer einzigartigen Musikerkarriere getragen hatten.

Wie aber sah das Leben des Mannes aus, der einst zu den größten deutschen Dirigenten zählte, heute aber nahezu vollständig aus unserem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist? Wer waren die Menschen, die ihn förderten und feierten? Wer die, die ihn schließlich behinderten und gar bedrohten? Und wie schaffte er es als Jude, die Nazizeit in Deutschland zu überleben?

Ein Musikgenie als Tuchhändler

Schon in seiner frühen Kindheit deutet einiges daraufhin, dass der 1871 in Aachen geborene Blech einmal ein großer Musiker werden könnte. Bereits als Siebenjähriger gab Blech Klavierkonzerte. Dem Vater, einem bodenständigen Pinsel- und Bürstenfabrikanten, kam das alles zunächst reichlich unheimlich vor. Er bestimmte, dass sein Sohn nach der Schule etwas Anständiges lernen solle - und so wird dem sensiblen Musikgenie eine kaufmännische Lehre als Tuchhändler aufgezwungen. Noch als Achtzigjähriger erinnerte er sich mit Widerwillen an diese Zeit: "Jeder Tag dem anderen scheußlich gleichend - das macht alt!" Vermutlich wäre seine Karriere an diesem Punkt bereits beendet gewesen, hätte er auf eine glückliche Fügung gewartet. Aber Blech nahm sein Leben in die Hand: Er rebellierte gegen seinen Vater, bis der sein Einverständnis für das Musikstudium an der Berliner Musikakademie gab. Von da an ging es in seinem Leben steil bergauf. Blech schrieb erfolgreich eigene Opern und bekam gut bezahlte Anstellungen: Kapellmeister am Deutschen Landestheater in Prag, dann an der Königlichen Hofoper Unter den Linden in Berlin. Kaiser Wilhelm II. war beeindruckt von dem jungen Aufsteiger, verlieh ihm sogar den Roten Adlerorden. 1913 wurde Blech zum Preußischen Generalmusikdirektor ernannt - vorläufiger Höhepunkt einer Bilderbuchkarriere.

Auch nach dem Ersten Weltkrieg - die Hofoper hieß inzwischen Staatsoper - blieb Blech mit einer kurzen Unterbrechung Unter den Linden. Das Publikum liebte ihn. Bei seinen Musikern war er zuweilen gefürchtet, denn sein Arbeitseifer verlangte jedem einzelnen viel Leistung ab. Wer nicht mitzog, wurde schon mal scharf kritisiert: Als eine Hauptdarstellerin seiner Lieblingsoper Carmen einmal nicht ganz bei der Sache war, sagte Blech ihr ins Gesicht: "Eine gute Carmen ist gut, eine schlechte Carmen ist schlecht. Aber gar keine Carmen?" Ihm selbst unterlief nur einmal ein Fehler: In der Pause der Oper "Die Hugenotten" nahm Blech seinen Mantel und ging nach Hause er hatte geglaubt, die Oper sei schon beendet.

Machtgerangel hinter den Kulissen

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gelangten, begann die schwerste Zeit in Blechs Leben. Mit der Verabschiedung des Berufsbeamtengesetzes und der Gründung der "Reichskulturkammer" wurden Juden systematisch aus deutschen Opernhäusern vertrieben. Die Nazis erklärten sie zu politischen Gegnern des Reichs und verfügten Berufsverbote. Ein Eintrag aus seinem Tagebuch zeigt, wie es zu dieser Zeit in Blech aussah: "Es ist das Schrecklichste von allem, sich vorwerfen zu müssen, geliebte Kinder erzeugt zu haben. Heute hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dass es für meine Kinder und meine Frau eine Erleichterung wäre, wenn ich, der Jude, nicht mehr lebte."

Anders als die meisten seiner Kollegen hatte Blech vorerst großes Glück: Hermann Göring, der als preußischer Ministerpräsident auch über das Schicksal der jüdischen Musiker an der Berliner Staatsoper bestimmte, ließ Blech zunächst im Amt. Göring wollte die Oper zu einem Betrieb von internationalem Rang formen und damit seinem Konkurrenten Joseph Goebbels, NS-Propagandaminister und Chef der "Reichskulturkammer", Paroli bieten. Dafür allerdings brauchte Göring überragende Musiker; seine Judenfeindschaft stellte er dafür hintan. So ist der Fall Blech ein Beleg dafür, dass in der Kulturpolitik der Nazis im Ausnahmefall auch nach Zweckmäßigkeit entschieden wurde.

In den nächsten vier Jahren wurde es um Leo Blech jedoch einsam. Seine Auftritte wurden rar, die Kinder emigrierten in die USA und nach Schweden. 1937 schließlich entließen die Nationalsozialisten den berühmten Dirigenten. Offiziell berichteten deutsche Zeitungen zunächst von einem Krankenurlaub, dann vom Ruhestand des inzwischen 66-jährigen Künstlers. Wer die unzensierte Presse im Ausland lesen kann, erfuhr dagegen vom Mächtegerangel hinter den Berliner Kulissen: Im April 1937 war Göring in den Urlaub nach Neapel gefahren. Die Abwesenheit des prominenten Fürsprechers von Blech nutzen Mitarbeiter der "Reichskulturkammer", um die Vertreibung des unliebsamen Dirigenten durchzusetzen. Der Intendant der Oper und einstige Unterstützer Blechs, Heinz Tietjen, "verständigt" sich auf Druck von oben mit dem Unerwünschten - Blech musste gehen.

"Kann ich meinen Flügel mitnehmen?"

Blech floh nach Riga. Auch hier feierte er Publikumserfolge, aber seit der Eroberung Lettlands 1941 waren die Nazis ihm wieder auf der Spur. Als er von den Deportationen in Ghettos erfährt, fragt er: "Kann ich meinen Flügel mitnehmen?" Doch schnell begreift er das Ausmaß der Bedrohung und flieht mit seiner Frau - zurück in das Gebäude der Berliner Staatsoper. Dort hilft Tietjen den Verzweifelten bei der Flucht nach Stockholm. Leo Blech, seine Frau und seine Kinder überleben die Jahre der Vernichtung.

Richtig wohl fühlt sich der Vertriebene in Schweden nie. Trotz Krieg und Massenmord träumte er von einer Rückkehr nach Berlin. Nach dem Krieg wurde sein Traum wahr. Tietjen beschwor Blech, nach Berlin zurückzukommen. 1949 war es soweit: Blech stand am Dirigentenpult der Städtischen Oper. Er war wieder willkommen - tosender Beifall verzögerte den Beginn der Oper "Carmen" um etliche Minuten. Drei Jahre später verlieh ihm Bundespräsident Theodor Heuss das Bundesverdienstkreuz; vom Klavierhersteller Bechstein bekam Blech einen Flügel geschenkt.

Wie wurde Leo Blech also Stardirigent? Talent, Fleiß und Beziehungen machten ihn berühmt. Fragt man jedoch, warum er es trotz schwieriger Lebensumstände so lange blieb, könnte die Antwort lauten: Auch zu Zeiten völliger Isolation verlor er nicht die Hoffnung darauf, dass seine Familie eines Tages wieder vereint sein würde. Hiervon zeugt ein Eintrag aus dem Jahr 1936 in dem "Erinnerungsbuch", dass er für seine Kinder geschrieben hat: "Dies Buch wurde aus einem Tal der Hoffnung eine Begräbnisstätte. Das muss nicht sein, aber es ist. Kommt eines der Kinder wieder zurück (oder beide), so lebt dieses Buch wieder auf, und ich mit ihm." Er konnte das Buch weiterschreiben.

Vor 60 Jahren starb Leo Blech im Kreise seiner Familie als ungebrochener Mann in Berlin.

An die Vertreibung der Juden aus der Oper 1933-1945 erinnert aktuell die Ausstellung Verstummte Stimmen, die noch bis zum 4. Juli 2008 in der Berliner Staatsoper unter den Linden und im Centrum Judaicum zu sehen ist.



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